Warum Secondhand Mode die Königin der Nachhaltigkeit ist

Warum Secondhand Mode die Königin der Nachhaltigkeit ist

Um ehrlich zu sein habe ich von ökologischer oder veganer Mode keinen blassen Schimmer. Ich wüsste bei einem Einkauf fairer Mode nicht, worauf ich im Detail zu achten hätte. Gilt es dieses künftig noch herauszufinden, setze ich bis dahin auf meine liebste Passion: Alt bewährtes – als ein weiteres Puzzleteil von Slow Fashion. Im Laufe der Zeit haben die Stücke aus hunderter Hand die Herrschaft meiner Kleiderstangen gänzlich übernommen, Neuware ist die klare Minderheit und ein Ende nicht in Sicht. Warum, wieso, weshalb das so ist? 

Sieben Argumente für Secondhand Mode

» Mode aus zweiter Hand – Nachhaltigkeit in ihrer reinsten Form

Das allgegenwärtige und brisante Thema der Nachhaltigkeit lässt auch die Modebranche nicht unberührt. Es steht die Frage im Raum, warum gerade Secondhand Mode so nachhaltig ist? Die Antwort liegt auf der Hand: Gebrauchtwaren sind bereits unzählige vorhanden. Ergo müssen sie auch nicht mehr produziert werden, ergo belastet Secondhand Kleidung die Natur noch weniger als es fair hergestellter Mode durch die Verwendung natürlicher und umweltfreundlicher Materialien überhaupt gelingen kann. Ergo: Kauft man Mode aus zweiter Hand wird weder die Produktion angekurbelt noch werden neue Rohstoffe benötigt, geschweige denn Umweltgifte verwendet. Der bestehende Verschleiß wird verlangsamt und die Belastung von Mensch und Umwelt gesenkt. Schlussfolgerung: Secondhand Kleidung ist ein Paradebeispiel für eine gelungene Form der Nachhaltigkeit.

» Slow Fashion oder die Entdeckung der Langsamkeit

Der Begriff Slow Fashion steht für nichts anderes als nachhaltige, entschleunigte und bewusste Mode. Der Kerngedanke lautet: Mode genießen. Secondhand Stücke sind somit  der klare Anführer von Slow Fashion und stellen nicht nur DIE Alternative zur Fast Fashion dar, sondern gleichzeitig den extremen Gegensatz: Schnelllebige Massenware, die zeitnah in der Mülltonne landet.

Neue Modekollektionen nur viermal im Jahr? Wo kommen wir denn dahin – mindestens acht davon müssen her, am liebsten aber monatlich. Es gilt schließlich sämtliche Trends von den Laufstegen zu übernehmen und das erfordert neben reichlich Tempo auch maximale Masse und minimale Preise. Gedanken über entsprechende Hungerlöhne und Arbeitsbedingungen der Näherin, um all das überhaupt umsetzen zu können, geschweige denn über Umwelt, Nachhaltigkeit, Klima oder gar die Müllproduktion, werden bedenkenlos über Bord geworfen. Stattdessen wird die Auslebung regelmäßiger und maximaler Einkaufsgelüste gefördert und dem Konsumenten ausschließlich suggeriert: Mehr ist Mehr. Wen schert es da schon, wenn bloß eines der T-Shirts aus dem Fünfer-Packs getragen wird. Und das Konzept scheint aufzugehen: Egal in welcher Großstadt man herumtrabt, Primark Tüten als Paradebeispiel sind allgegenwärtig. Glücklicherweise sind die Billigfummel in Papiertüten gehüllt und nicht in durchsichtige Plastikfetzen, die einen zusätzlich mit wiederkehrendem Inhalt langweilen würden.

In Anlehung daraun und unter Berufung des Slogans Who made my clothes? findet jedes Jahr am 24. April der Fashion Revolution Day statt und fordert zu höherer Transparenz und Nachhaltigkeit im Hinblick auf das eigene Mode Konsumverhalten auf. Auch Jahre nach dem Einsturz der Textilfabrik Rana Plaza in Bangladesch, bei dem 1138 Menschen getötet worden sind und etliche Näherinnen ihr Leben ließen, wird jährlich im Rahmen der internationalen Initiative auf die Arbeitsbedingungen in der Textilindustrie aufmerksam gemacht und an die eigene Verantwortung appelliert. Entsprechend des Slogans heißt es also am 24. April 2018: Kleidung auf links tragen und Farbe bekennen!

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» Mode aus zweiter Hand macht kreativ

Nicht jedes Fundstück ist ein Treffer. Bei manch einem Ausflug ins Reich der gebrauchten Schätze habe ich mich in Situationen langwieriger Wohnungssuche und entsprechender Besichtigungen zurückversetzt gefühlt. Den Parallelen sind durchaus vorhanden: Steht man in einer wirklich schäbigst eingerichteten Wohnung muss man großzügiges Vorstellungsvermögen mitbringen, um ein potentielles Schmuckstück überhaupt zu erkennen. Ähnlich verhält es sich zu manch einem gebrauchten Stück: Die Erlebnisse sind deutlich erkennbar und dennoch – irgendetwas sagt: Nimm mich! In dem Fall sollte man zuschlagen, denn der Markt der Möglichkeiten einem alten Teil neues Leben einzuflössen, es aufzupeppen oder dem eigenen Stil anzupassen, sind beinahe grenzenlos. Schulterpolster können in Windeseile herausfliegen, was so viel ausmachen und nur wenig verschlechtern kann, Löcher genäht, Knöpfe ausgetauscht und Farben verändert werden. Hin und wieder genügt sogar der Griff zur Bürste und der Wunderwaffe Gallseife. Und im Zeitalter von Upcycling kann aus dem Kleid ruckzuck ein T-Shirt und aus dem Jumpsuit gleich zweierlei gezaubert werden. Die freien Entfaltungsmöglichkeiten können nur so toben und falls im Zweifel doch alles daneben gehen sollte, ist der Schmerz verkraftbar und ein neuer Wischmopp gefunden.

» Secondhand stinkt nicht, sondern ist gesund.

Der Kauf aus zweiter Hand schließt für gewöhnlich und im Idealfall ein, dass das alte Neue mindestens einmal gewaschen wurde. Was also bis dato noch nicht ausgeblichen oder abgeblättert ist, wird es vermutlich auch nicht mehr. Und selbst wenn doch ist Fakt: Die einstig vorhandenen Chemikalien sind größtenteils herausgewaschen. Auch wenn die Jacke beim Kauf vom feinsten Muff umhüllt sein mag, letzten Endes ist sie nicht nur gesünder, sondern auch sauberer. Und wenn es an der Stelle anfängt zu jucken, kann ich beruhigen: Eine weitere Wäsche hilft und lässt das Stück in neuem Glanz erscheinen.

» Jeder Jeck ist anders – Secondhand Stücke als Ausdrucksform des persönlichen Stils

Keine Kette dieser Welt kann annähernd mit der modischen Vielfältigkeit einer kunterbunten Secondhand-Stube oder der Ausbeute eines tollen Flohmarkts mithalten. Das Einkaufserlebnis aus zweiter Hand ist so viel spannender, abwechslungsreicher, individueller und auch noch nachhaltig – man weiß nie was einen auf dem nächsten Kleiderbügel erwarten mag. Hinzukommt: Die Preise sind niedriger, das Angebot riesig und die Möglichkeiten diese zu ergattern vielfältig: Von Märkten und (Online-)Shops über Tauschparty bis hin zum Verleih oder dem Kauf via App. All das ist möglich.

Je älter das gute Stück ist, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass man stolzer Besitzer eines echten Unikats ist. Und umso größer sollte die Freude sein, wenn die Fundstück-Entdeckung des Tages einen Wink aus der Vergangenheit beinhaltet. Wer freut sich denn bitte nicht über Karl-Heinz persönliche Widmungen aus den 70ern, liebevoll und in Schreibschrift  in die Innenseite der Ledertasche hinzugefügt? Ich zumindest tue es wie verrückt! Denn: Geschichte ist etwas feines und möchte weitererzählt werden.

» Klasse statt Masse

Die guten alten Zeiten. Damals als noch die Qualität siegte. Lange scheint es her zu sein. Bei Schlagwörten wie Trendsetter oder Must-Haves hätte sich Oma Gerda verzweifelt an die Stirn gepackt. Die Prioritäten haben sich leider verschoben und das Vokabular ist noch nicht einmal das Schlimmste daran. In der heutigen Mode zieht die Qualität oftmals den Alllerkürzesten und etliche präferieren die Masse anstatt sich an der Einmaligkeit des einen, besonderen Teils zu erfreuen.

Daher lautet mein Credo bei Seondhand Mode: Je älter, desto besser. Und das betrifft nicht nur den Stil. Die wahrhaftigen Vintage-Stücke haben trotz dutzender Jahre nichts an Qualität einbüßen müssen. In einem Cardigan steckt tatsächlich noch 100% feinste Wolle drin statt 90% Polyester. Wie sonst könnte das alte Kleid von der Urgroßmutter von 1960 trotz etlicher Waschgänge noch immer um die Wette strahlen und Herzen in 2018 höher schlagen lassen?

» Die Kunst vom minimalem Besitz

Ich gestehe feierlich, in der Theorie bin ich größter Fan vom Minimalismus. Und so gut ich das auf Reisen mittlerweile hinbekomme, in der Praxis und im Alltag ist auf meinen Kleiderstangen und großflächig Drumherum verdammt viel los. Ein großes flukturiendes Miteinander zahlreicher und stolz erworbener textiler Schätze aus zweiter Hand.

Ganz allgemein gesprochen neigt der Mensch zum Horten und Sammeln. Genau genommen kann aber nicht nur zuviel Wissen belasten, sondern auch das eigene Hab und Gut. Der Blick für das Wesentliche geht verloren. Und dennoch: Mit weniger Besitz lebt es sich soviel leichter und einfacher zugleich. Im Hinblick auf die Modeindustrie kann Slow Fashion Abhilfe leisten. Neben ausgewählten und allerfeinsten Secondhand Stücken kann faire Mode eine weitere nachhaltige Alternative darstellen. Der Griff zur nachhaltig produzierten und langlebigeren Hose kostet zwar ein paar Taler mehr, spart dafür jedoch drei weitere Hosen. Aus 3 mach 1, das Wenige genießen. So kannst du am Morgen einmal länger die Snooze-Taste betätigen, deinen Kleiderschrank entlasten und deine künftigen Umzugshelfer werden dich lieben!


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